Fischbestände
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Hering: Norwegischer Frühjahrslaicher

gültig 10/2011 - 10/2012

Ökoregion:
Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See, Färöer-Plateau
Fanggebiet:
Nordost-Arktis und Norwegische See (I, IIab) FAO 27
Art:
Clupea harengus

1 Bestandszustand Umriss der Fischart

Wiss. Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlandedaten und acht unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen, die mehrere Lebensstadien abdecken. Rückwürfe gehen nicht in die Bestandsberechnungen ein. Nur drei von vier Referenzwerten nach dem Vorsorgeansatz sind definiert. Sie basieren auf der Biomasse-Nachwuchs-Relation. Die Referenzwerte zur Erlangung des höchsten Dauerertrages (Btrig, Fmsy) sind definiert. 2010 wurde die Berechnungsbasis aufgrund neuer Daten zur Geschlechtsreife und Biomasse geändert und auch die historischen Werte neu berechnet. [298] [299] [113]

Wesentliche Punkte

2011: Der Bestand hat weiter abgenommen, liegt aber noch immer oberhalb aller festgelegten Biomassereferenzwerte. Die fischereiliche Sterblichkeit liegt weiterhin über dem Ziel des Managementplans (Ftgt) und nummerisch auch über den Referenzwerten für Vorsorgeansatz und höchsten Dauerertrag (Fpa, Fmsy), für die zwei letzteren wird sie vom ICES aber als „am Grenz- bzw. Zielwert“ klassifiziert. [298] [299]

Bestands­zustand Übersicht Bestandszustandssymbole

Laicherbiomasse
(Reproduktionskapazität)
Fischereiliche Sterblichkeit
+ (large)

volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

– (large)

nicht nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

+ (small)

innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

– (small)

über dem Grenzwert (nach Managementplan)

+ (small)

innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

– (small)

übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

Grafiken zum Bestandszustand

Bestands­entwicklung

Der norwegische Frühjahrslaicher gehört gemeinsam mit dem Isländischen Sommerlaicher zum atlanto-skandischen Heringskomplex. Er ist einer der Bestände, für die es besonders lange Messdaten-Zeitreihen gibt. Bestandsberechnungen gehen zurück bis 1907, werden aber nach der Änderung der Berechnungsbasis 2010 nur noch ab 1988 angegeben. Der Bestand war für viele Länder eine wichtige Nahrungsquelle und daher Basis einer großen internationalen Fischerei. Die Gesamtfänge stiegen bis Mitte der 1960er Jahre nach Einführung der Ringwadenfischerei auf bis zu 2 Mio t jährlich, während die Laicherbiomasse schnell abnahm. Ende der 1960er Jahre kollabierte der Bestand im Jahr, nachdem im Vorjahr die höchste Fangmenge erzielt wurde. Es dauerte 20 Jahre, bis sich der Bestand in den späten 1980er Jahren erholte. Dies wurde hauptsächlich durch eine niedrig gehaltene fischereiliche Sterblichkeit erreicht. Der Bestand zeigt im Vergleich zu anderen Heringsbeständen eine hohe Variabilität in der Nachwuchsproduktion. Starke Jahrgänge in den frühen 1990ern verhalfen zu einem weiteren Anstieg der Laicherbiomasse. Der letzte starke Jahrgang trat jedoch 2004 auf und die Laicherbiomasse nimmt in den letzten beiden Jahren ab. [298] [299] [20] [22] [40] [113]

Ausblick

Die Bestandsgröße schwankt mit dem unregelmäßigen Auftreten starker Jahrgänge. Da es nach 2004 keinen starken Jahrgang mehr gab, nimmt der Bestand seit 2010 ab, und auch bei Einhaltung des Managementplans ist mit einer weiteren Abnahme der Biomasse zu rechnen. Die Fangmengen müssen daher zumindest kurzfristig weiter reduziert werden. [298] [299]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Der Bestand unternimmt weite Wanderungen im Nordost-Atlantik. Die Wandermuster haben sich seit den 1950er Jahren mehrfach geändert, was wahrscheinlich auf klimatische Veränderungen und Änderungen in der Zusammensetzung der Nahrungsorganismen zurückzuführen ist. Die seit 2002 abnehmende durchschnittliche Zooplankton-Biomasse in der Norwegischen See (Hauptnahrung des Herings) hat sich 2011 auf niedrigem Niveau stabilisiert. Auch die Bestandsgröße hat einen Einfluss auf die Wanderrouten. Veränderungen in der Bestandsgröße gehen ebenfalls mit Klimaveränderungen einher. Die Zusammenhänge sind noch nicht genau geklärt, aber während warmer Perioden gibt es häufiger starke Jahrgänge. Auch die Lage der Arktischen Front scheint einen Einfluss auf die Verbreitung zu haben. Aktuell sind große Veränderungen der Überwinterungs- und Nahrungsgebiete zu beobachten, die auch einen Einfluss auf die Verteilung der Fischerei haben. Ab 1970 waren die norwegischen Fjorde Überwinterungsgebiete, seit 2001 verlagern sich diese aber vor die norwegische Küste und 2007 und 2009 wurden keine Heringe in den Fjorden beobachtet. [298] [299] [22] [23] [36]

2 Fischereimanagement

Wer und Wie

Das Management erfolgt nach einem durch alle Küstenstaaten (EU, Färöer Inseln, Island, Norwegen, Russland) 1999 eingeführten Langzeit-Management-Plan, der regelmäßig an die aktuellen ICES Empfehlungen angepasst werden soll. Der ICES betrachtet diesen Plan als in Übereinstimmung mit dem Vorsorgeansatz. Die Küstenstaaten legen die jährliche Höchstfangmenge (TAC) im Rahmen eines „agreed record“ fest. Hierin ist unter anderem auch die Möglichkeit festgehalten 10% der Quoten ins nächste Jahr zu transferieren, oder die Quote eines Jahres um 10% zu überziehen. Beides wird im Folgejahr zur neuen Quote hinzugerechnet, bzw. abgezogen. [298] [299] [20] [19] [300]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Trotz Management-Plan konnten sich die Küstenstaaten nicht immer einigen und haben in einigen Jahren autonome Quoten festgelegt. Deren Summe überschritt teilweise die wissenschaftlichen Empfehlungen. Seit 2007 decken sich Empfehlung und verabschiedete Höchstfangmenge (TAC). [298] [299] [167] [19]

Karten

Verbreitungsgebiet
Karten des Verbreitungs- und der Managementgebiete
Managementgebiet
Karten des Verbreitungs- und der Managementgebiete

Der norwegische Frühjahrslaicher wird als weit verbreiteter Bestand definiert. Er wird formal keinem bestimmten Gebiet zugeordnet und die Empfehlungen des ICES gelten für alle Gebiete, in denen er vorkommt. Im Moment tritt die Mehrheit des Bestandes in den Gebieten I und IIab auf. Kleinere Anteile sind in Vab und XIV verbreitet. In manchen Jahren mischt sich der Bestand in angrenzenden Gebieten mit anderen Heringbeständen. [298] [299]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang 2010: Anlandungen: 1.457, Rückwürfe: keine Angaben; überwiegend pelagische Schleppnetze und Ringwaden
TACs 2007: 1.280   2008: 1.518   2009: 1.642   2010: 1.483   
2011: 988  [298] [18] [19] [300]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf relevante Mengen illegaler oder unberichteter Fänge aus diesem Bestand. [109]

3 Fischerei und ökologische Effekte

Struktur und Fangmethode

Die Fischerei ist ganzjährig und rein pelagisch und folgt den Wanderungen des Bestandes von den Überwinterungs- und Laichgebieten entlang der norwegischen Küste zu den Sommerfraßgründen. In den letzten zwei Jahren verlagerten sich diese und damit auch die Fischerei immer weiter nach Südwesten in Richtung Island und Färöer Inseln (Gebiete Va und b). Hier werden die größten und ältesten Fische gefangen. Hauptfanggebiet ist das Gebiet IIa (87% der Fänge). Die norwegische Fischerei entlang der norwegischen Küste wird hauptsächlich mit Ringwaden durchgeführt. In der internationalen Hochseefischerei werden vor allem pelagische Schleppnetze eingesetzt. [298] [299]

Beifänge und Rückwürfe

Die Menge an Beifängen und Rückwürfen wird als gering angesehen. Seit 2006 wird in einigen Gebieten vermehrt Makrele gemischt mit Hering gefangen, 2010 war dieses Problem aber aufgrund einer stärkeren horizontalen Trennung der Arten weniger ausgeprägt. Es kommt außerdem das Verwerfen des gesamten Fanges vor (slipping), die Mengen werden aber ebenfalls als gering angesehen. Überlebensraten sind nicht bekannt. Die pelagische Flotte unterliegt einer strengen Überwachung durch die norwegische Küstenwache mit mehreren Schiffen und einem Flugzeug. In norwegischen und internationalen Gewässern ist der Rückwurf von Hering nicht erlaubt. Innerhalb der EU ist slipping und highgrading (Rückwurf von marktfähiger Ware, solange die Quote noch nicht ausgeschöpft ist) verboten. [298] [17] [49] [241] [301]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Pelagische Schleppnetzfischerei und Ringwadenfischerei haben geringe Beifänge von Nichtzielarten und beeinflussen den Meeresboden nicht, weil sie ihn nicht berühren. Unbeabsichtigte Einflüsse auf das Ökosystem sind, abgesehen von den Beifängen, die auch Junglachse und Meeressäuger umfassen können, nicht bekannt. [298]

4 Zusätzliche Informationen

Biologische Besonder­heiten

Der Norwegische Frühjahrslaicher ist der größte Heringsbestand weltweit. Er ist weit verbreitet und wandert in seinem Leben über große Bereiche des nördlichen Nordost-Atlantiks. Laichgründe sind vor allem an der norwegischen Westküste zu finden, wo die Eier von Februar bis März auf Fels, Kies oder Sand abgelegt werden. Die Verbreitung des Bestandes und die Veränderungen im Wandermuster sorgten immer wieder für Konflikte zwischen den beteiligten fischenden Nationen. Der Norwegische Frühjahrslaicher ist ein Bestand, der sich durch eine hohe Anzahl von Wirbelkörpern, eine große maximale Länge (40 cm), besondere Merkmale seiner Schuppen und eine große Variabilität in der Jahrgangsstärke auszeichnet. [298] [299] [22] [37] [38]

Zusätzliche Informationen

Der Bestand ist eine wichtige Komponente des Ökosystems in der Barentssee, der Norwegischen See und der norwegischen Küste. Er ist ein Nahrungsbestandteil für größere Fische, Seevögel und Meeressäuger. Durch die derzeitige Bestandsgröße bietet er seinen Räubern viel Futter, ist aber selbst ein starker Nahrungskonkurrent zum Beispiel für blauen Wittling und Makrele und außerdem Räuber von Fischbrut.
Die Überwinterung der Heringe in den Norwegischen Fjorden lockte Schwertwale an, die besonders im Tysfjord auf Heringsjagd gingen. Dieses Phänomen führte vor Ort zum Aufbau einer kleinen Walbeobachtungsindustrie. In den letzten Jahren zogen immer weniger Heringe in den Fjord, in einigen Jahren (2007, 2009) wurden gar keine beobachtet. Die Heringe bleiben nun vor der norwegischen Küste und mit ihnen auch die Wale. [298] [299]

Zertifizierte Fischereien

Fünf Fischereien auf Norwegischen Frühjahrslaicher sind nach den Standards des Marine Stewardship Councils zertifiziert (2011 über 60% der Anlandungen). [4] Siehe
http://www.msc.org/track-a-fishery/certified/north-east-atlantic/DPPO-Atlanto-Scandian-herring
http://www.msc.org/track-a-fishery/certified/north-east-atlantic/fpo-as-herring
http://www.msc.org/track-a-fishery/certified/north-east-atlantic/norway-spring-spawning-herring
http://www.msc.org/track-a-fishery/certified/north-east-atlantic/pelagic-freezer-trawler-association-atlanto-scandian-herring
http://www.msc.org/track-a-fishery/certified/north-east-atlantic/scottish-pelagic-sustainability-group-ltd-atlanto-scandian-herring

Soziale Aspekte

Die Fischerei auf den norwegischen Frühjahrslaicher wird mit großen und größten Fahrzeugen durchgeführt. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. Besonders für Norwegen, welches die größte Quote hält (61%) ist die Heringsfischerei ein wichtiger Arbeitgeber. [13] [39]

Literaturquellen Hering: Norwegischer Frühjahrslaicher

  Autor Jahr Titel Quelle
[4] Marine Stewardship Council (MSC) Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischerei msc.org
[13] BLE Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Referat 523
[14] FIZ e.V. Fisch-Informationszentrum e.V. fischinfo.de
[17] NEAFC 2009 North-East Atlantic fisheries commission, 2009, Rec 16: Discards Ban neafc.org
[18] Europäische Union (EU) 2010 Verordnung (EU) Nr. 219/2010 des Rates zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 53/2010 hinsichtlich der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und nach Abschluss der bilateralen Fischereivereinbarungen für 2010 mit Norwegen und den Färöern europa.eu
[19] NEAFC 2009 North-East Atlantic fisheries commission, 2009, Rec 5: Herring neafc.org
[20] Røttingen I 2003 The agreed recovery plan in the management of Norwegian spring-spawning herring ICES CM 2003/U:01
[22] Sissener EH, Bjoerndal,T 2005 Climate change and the migratory pattern for Norwegian spring-spawning herring; implications for management Marine Policy 29:299-309
[23] Misund O, Vilhjalmsson H, Jakupsstovu S, Röttingen I, Belikov S, Asthorsson O, Blindheim J, Jonsson J, Krysov A, Malmberg S, Sveinbjornsson S 1998 Distribution, migration and abundance of Norwegian spring spawning herring in relation to the temperature and zooplankton biomass in the Norwegian Sea as recorded by coordinated surveys in Spring and Summer 1996 Sarsia 83:117-127
[36] Dragesund O, Hamre J, Ulltang Ø 1980 Biology and population dynamics of the norwegian spring-spawning herring Rapp. P.-v.Reun.Cons. int. Explor. Mer 177:43-71
[37] Institute of Marine Research (IMR), Norwegen Institut für Meeresforschung, Norwegen imr.no
[38] Toresen R 1991 Predation on the eggs of Norwegian spring-spawning herring (Clupea harengus L.) on a spawning ground on the west coast of Norway ICES Journal of Marine Science 48:15 21
[39] fisheries.no Online Portal des Norwegischen Ministeriums für Fischerei und Küstenangelegenheiten gemeinsam mit verschiedenen Forschungsinstituten fisheries.no
[40] Johansen AC 1919 On the large spring-spawning sea herring (Clupea harengus) in the north-west european waters Meddelelser Fra Kommissionen For Havundersögelser. Serie Fiskeri 5:1-56
[49] Europäische Union (EU) 2009 Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011 europa.eu
[109] ICES 2010 Report of the Working Group on Widely Distributed Stocks (WGWIDE), 28 August - 3 September 2010, Vigo, Spain. ICES CM 2010/ACOM:15. 5 pp. 7. Norwegian spring spawning herring ices.dk
[113] ICES 2010 Report of the Workshop on estimation of maturity ogive in Norwegian spring spawning herring (WKHERMAT), 1-3 March 2010, Bergen, Norway. ICES CM 2010/ACOM:51. 47 pp. ices.dk
[167] Europäische Union (EU) 2011 Verordnung (EU) Nr. 57/2011 des Rates vom 18. Januar 2011 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in den EU-Gewässern sowie für EU-Schiffe in bestimmten Nicht-EU-Gewässern (2011) europa.eu
[241] Europäische Union (EG) 2011 Verordnung (EU) Nr. 579/2011 des europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2011 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011 europa.eu
[298] ICES 2011 Report of the Advisory Committee, 2011. Book 9. Widely Distributed and Migratory Stocks. 9.4.5. Herring in the Northeast Atlantic (Norwegian spring-spawning herring) ices.dk
[299] ICES 2011 Report of the Working Group on Widely Distributed Stocks (WGWIDE), 23 - 29 August 2011, ICES Headquarters, Copenhagen, Denmark. ICES CM 2011/ACOM:15. 624 pp. 7. Norwegian Spring Spawning Herring ices.dk
[300] Anonymus 2010 Agreed Record of conclusions of Fisheries consultations on the management of the Norwegian spring-spawning herring stock in the North-East Atlantic for 2011
[301] Directorate of fisheries, Norwegen 2011 Regulations relating to seawater fisheries fiskeridir.no