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Fischbestände
Online

Ostsee-Sprotte

gültig 05/2014 - 05/2015

Ökoregion:
Ostsee
Fanggebiet:
Ostsee (22-32) FAO 27
Art:
Sprattus sprattus

1 Bestandszustand Umriss der Fischart

Wiss. Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung vollständiger Fangdaten und zweier unabhängiger wissenschaftlicher Forschungsreisen (Hydroakustik). Nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages sind zwei Referenzwerte definiert (Btrig und Fmsy). Nach Vorsorgeansatz sind alle Referenzwerte für die Laicherbiomasse (Bpa und Blim) und für die fischereiliche Sterblichkeit (Fpa und Flim) festgelegt. [736] [738]

Wesentliche Punkte

2014 Die Laicherbiomasse von Ostsee-Sprotte liegt weiter vollständig im grünen Bereich, die fischereiliche Sterblichkeit erscheint dagegen wieder zu hoch: Sie liegt über dem Referenzwert zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (Fmsy). [736] [738]

Bestands­zustand Übersicht Bestandszustandssymbole

Laicherbiomasse
(Reproduktionskapazität)
Fischereiliche Sterblichkeit
+ (small)

volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

o (small)

erhöhtes Risiko (nach Vorsorgeansatz)

? (small)

Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

? (small)

Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

+ (large)

innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

– (large)

übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

Grafiken zum Bestandszustand

Bestands­entwicklung

Die Größe des Sprottbestandes in der Ostsee hängt vor allem von den Umweltbedingungen und über Räuber-Beute Beziehungen von der Größe des Dorschbestandes ab. Aufgrund der abnehmenden Dorschbiomasse und günstigen Bedingungen für die Nachwuchsproduktion für Sprotte wuchs der Bestand seit Ende der 1980er Jahre stark an und erreichte 1996 ein historisches Hoch. In den folgenden Jahren sank die Bestandsgröße, und schwankt seit 2002 um 1 Mio. Tonnen. Damit liegt sie über dem Referenzwert zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrig). Die fischereiliche Sterblichkeit (F) nahm in den 1990ern mit den steigenden Fangmengen zu, konnte bis 2012 gesenkt werden, liegt aber aktuell wieder über dem MSY-Referenzwert (Fmsy). Die Nachwuchsproduktion schwankt stark mit den klimatischen Bedingungen. Seit 2009 gab es keinen starken Jahrgang. [93] [736] [738]

Ausblick

Die weitere Entwicklung der Fangmöglichkeiten hängt beträchtlich von der Nachwuchsproduktion ab, die im Moment nicht besonders stark ist. Aufgrund der zu hohen fischereilichen Sterblichkeit müssen die Fangmengen zumindest kurzfristig gesenkt werden. [736] [738]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Sprotte lebt in der Ostsee an ihrer nördlichen Verbreitungsgrenze, und klimatische Faktoren können sich vor allem auf den Reproduktionserfolg auswirken. Dieser wird von hohen Wassertemperaturen und milden Wintern gefördert. Bei höheren Temperaturen ist die Sterblichkeit der Eier geringer, und die Häufigkeit bevorzugter Nahrungsorganismen nimmt zu. Die Biomasse der Sprotten hängt außerdem auch von der Räuber-Beute Beziehung zum Dorsch ab („Dorsch-Sprott-Schaukel“, siehe auch unter „Biologische Besonderheiten“). [93] [142] [463] [736] [738]

2 Fischereimanagement

Wer und Wie

Die Bewirtschaftung von Sprotte in der Ostsee erfolgt über Quoten und Maschenweitenregulierung. Seit Auflösung der „International Baltic Sea Fishery Commission“ (IBSFC) und Aufgabe des IBSFC-Managementplanes 2006 legen die Europäische Union und Russland autonome Quoten fest. Ein Managementplan für alle pelagischen Bestände der Ostsee ist seit 2008 entwickelt, aber auch 2013 nicht eingerichtet worden; die EU bereitet nun aber einen Managementplan für alle kommerziell genutzten Fischarten der Ostsee vor. Gemischte Fänge von Hering und Sprotte dürfen in der EU nur in Häfen angelandet werden, in denen ein Stichprobenkontrollprogramm zur Überwachung der angelandeten Arten durchgeführt wird. Seit 2010 ist auch in der Ostsee das „Highgrading“ (Verwerfen legal anlandbarer Fische, um den Fangertrag zu optimieren) verboten. [206] [241] [631] [736] [738]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Die festgesetzten Fangmengen (TACs) bzw. ab 2007 die Summe der Quoten (EU + Russland) lagen bis 2012 mit wenigen Ausnahmen immer über den wissenschaftlichen Empfehlungen des ICES. Die Differenz zwischen Empfehlungen und TACs war allerdings sehr unterschiedlich. 2013 war die Summe der Quoten etwas niedriger als die Empfehlung, 2014 liegt sie wieder darüber. Die TACs bzw. Quoten wurden bisher meist nicht ausgefischt, 2013 wurde die EU-Quote jedoch zu 99,9% genutzt. Die Nachfrage an Fisch für industrielle Zwecke und für die Nutztierzucht ist derzeit so hoch, dass eine weitgehende Nutzung der Quoten in Zukunft wahrscheinlich ist. Der ICES empfiehlt die Einrichtung eines regionalen Managementplanes, der die Konkurrenz zwischen Fischerei und dem Dorschbestand der östlichen Ostsee minimiert, hierfür werden von Seiten des Managements derzeit keine Anstrengungen unternommen. [736] [738]

Karten

Verbreitungsgebiet
Karten des Verbreitungs- und der Managementgebiete
Managementgebiet
Karten des Verbreitungs- und der Managementgebiete

Der Bestand ist in der gesamten Ostsee verbreitet; der Schwerpunkt befindet sich in den letzten Jahren in den nordöstlichen Gebieten. Die Bewirtschaftung erfolgt seit 2007 getrennt durch die EU und Russland (Ausschließliche Wirtschaftszone EU rot, Russland gelb). [736] [738]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang 2013: 272,4 (davon Russland 22,6 in Gebiet 26); überwiegend pelagische Schleppnetze
Quote EU/Russland 2008: 454/?   2009: 399/?  2010: 380/40  2011: 289/34   
2012: 225,2/30,1  2013: 250,0/25.4  2014: 240/27,9  [733] [738]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf illegale oder unberichtete Fänge aus diesem Bestand. Durch die gemischte Fischerei mit Hering kann es zu falschberichteten Fangzusammensetzungen kommen, zumal die Heringsquote meist ausgefischt wurde, die Sprottquote jedoch nicht. Die Anlandung gemischter Hering-Sprott-Fänge ist in der EU verboten, wenn kein System zur Feststellung der Artenzusammensetzung zur Verfügung steht (Stichprobenkontrollprogramm). Die Einführung dieser Maßnahme führte wahrscheinlich zu einer Reduzierung der falschberichteten Fänge. [206] [631] [736] [738]

3 Fischerei und ökologische Effekte

Struktur und Fangmethode

Alle Ostsee-Anrainerstaaten unterhalten gerichtete Fischereien auf Ostseesprotte. Hauptfanggerät sind pelagische Schleppnetze, in einigen Gebieten kommen auch Grundschleppnetze zum Einsatz. Die Sprottfischerei findet das ganze Jahr über statt, Hauptsaison ist jedoch in der ersten Jahreshälfte, sofern es die Eisbedeckung zulässt. Sprotten werden für die Fischmehlproduktion, als Nahrung für Nutztiere und in geringerem Umfang für den menschlichen Konsum angelandet. [736] [738]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwürfe sind in der Sprottfischerei vernachlässigbar, denn auch kleine Tiere und mindere Qualität werden in die Fischmehlproduktion gegeben. Daten zur Menge der Rückwürfe stehen noch nicht zur Verfügung, es wird aber an einer Quantifizierung der Rückwürfe gearbeitet. Je nach Saison und Gebiet kann es in der Sprottfischerei zu Heringsbeifängen kommen, gemischte Fänge dürfen aber nur unter bestimmten Bedingungen angelandet werden. Durch das Verbot des „Highgradings“ (Verwerfen legal anlandbarer Fische, um den Fangertrag zu optimieren) ist für quotierte Arten ohne Mindestanlandelänge (z.B. Hering und Sprotte in der Ostsee) der Rückwurf in EU-Gewässern faktisch verboten. [206] [241] [631] [736] [738]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Die Sprotte ist gemeinsam mit Hering eine Hauptnahrungsquelle für Dorsch, Dorscheier sind wiederum Nahrung für die Sprotte. Die Sprottfischerei kann daher indirekt den Dorschbestand beeinflussen, denn ein kleinerer Sprottbestand bedeutet weniger Nahrung für Dorsche, aber auch einen geringeren Räuberdruck auf Dorscheier. Die pelagische Schleppnetzfischerei beeinflusst den Meeresboden kaum (weil sie ihn in der Regel nicht berührt). [30] [738]

4 Zusätzliche Informationen

Biologische Besonder­heiten

Ein wichtiger Faktor mit Einfluss auf die Bestandsgröße der Sprotte ist die Größe des Dorschbestandes der östlichen Ostsee. Beide Bestände beeinflussen sich gegenseitig über ihre Räuber-Beute-Beziehung. Es entsteht die sogenannte „Dorsch-Sprott-Schaukel“, in der entweder der eine oder der andere Bestand dominiert. Als eine der wesentlichen Beutearten des erwachsenen Dorschs hat die Sprotte lange Zeit direkt vom schlechten Zustand der Dorschbestände profitiert. Hohe Wassertemperaturen und milde Winter haben die Nachwuchsproduktion der Sprotte zusätzlich gefördert. Infolgedessen ist der Sprottbestand der Ostsee in den letzten zehn Jahren stark angewachsen und konkurrierte mit den verbliebenen Dorschlarven um deren bevorzugte Nahrung. Außerdem fraßen die erwachsenen Sprotten die ohnehin nur noch spärlich vorhandenen Dorscheier und hatten aufgrund ihrer enormen Anzahl plötzlich einen zusätzlichen negativen Effekt auf den Dorschbestand. Mit dem wachsenden Dorschbestand nimmt die Sprottbiomasse zwar wieder ab, ein deutlicher Einfluss ist aber nur dort festzustellen, wo beide Arten gemeinsam vorkommen (ICES-Gebiet 25 und 26). Weiter östlich und nördlich gibt es relativ wenig Dorsch und der Sprottbestand dort wird kaum beeinflusst. [93] [142] [736] [738]

Zusätzliche Informationen

Sprotten sind in der gesamten Ostsee verbreitet, hohe Konzentrationen von Jungtieren werden küstennah gefunden. Sowohl im offenen Meer als auch küstennah treten das ganze Jahr über gemischte Schwärme von Hering und Sprotte auf. [736] [738]

Zertifizierte Fischereien

Bislang ist keine Fischerei auf Sprotte in der Ostsee nach einem der gängigen Nachhaltigkeitsstandards zertifiziert. Eine Fischerei befindet sich seit vielen Jahren ohne wesentlichen Fortschritt in der Bewertung für das Nachhaltigkeitszertifikat des Marine Stewardship Councils (MSC). [4] Siehe
http://www.msc.org/track-a-fishery/in-assessment/north-east-atlantic/sppo-baltic-herring-and-sprats

Soziale Aspekte

Zum Einsatz kommen vor allem kleine und mittlere Fangschiffe, in einigen Ländern auch Schiffe über 40m Länge. Diese Fischereibetriebe haben erhebliche Bedeutung für die strukturschwachen Gebiete an den Küsten der Anrainerstaaten. Die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgen nach Landesregeln. [13] [736]

Literaturquellen Ostsee-Sprotte

  Autor Jahr Titel Quelle
[4] Marine Stewardship Council (MSC) Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischerei msc.org
[13] Statistisches Bundesamt Statistisches Bundesamt, Ref. 522
[14] FIZ e.V. Fisch-Informationszentrum e.V. fischinfo.de
[30] Food and Agriculture Organization (FAO) FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010] fao.org
[93] Möllmann C, Kornilovs G, Fetter M, Köster FW 2005 Climate, zooplankton, and pelagic fish growth in the central Baltic Sea ICES Journal of Marine Science 62: 1270-1280
[142] Steputtis D, Hinrichsen H-H, Böttcher U, Götze E, Mohrholz V 2010 An example of meso-scale hydrographic features in the central Baltic Sea and their influence on the distribution and vertical migration of sprat, Sprattus sprattus balticus (Schn.) Fisheries Oceanography, 20 (1): 82–88
[206] Europäische Union (EG) 2005 Verordnung (EG) Nr. 2187/2005 des Rates vom 21. Dezember 2005 mit technischen Maßnahmen für die Erhaltung der Fischereiressourcen in der Ostsee, den Belten und dem Öresund, zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1434/98 und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 88/98 europa.eu
[241] Europäische Union (EG) 2011 Verordnung (EU) Nr. 579/2011 des europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2011 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011 europa.eu
[463] Voss R, Köster FW, Dickmann M 2003 Comparing the feeding habits of co-occurring sprat (Sprattus sprattus) and cod (Gadus morhua) larvae in the Bornholm Basin, Baltic Sea. Fish. Res. 63: 97-111
[631] Europäische Union (EU) 2013 Verordnung (EU) Nr. 227/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. März 2013 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1434/98 des Rates über die zulässige Anlandung von Hering zu industriellen Zwecken ohne Bestimmung für den unmittelbaren menschlichen Verzehr europa.eu
[733] Europäische Union (EU) 2014 Verordnung (EU) Nr. 1180/2013 des Rates vom 19. November 2013 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in der Ostsee für das Jahr 2014 europa.eu
[736] ICES 2014 Report of the Baltic Fisheries Assessment Working Group (WGBFAS), 3-10 April 2014, ICES HQ, Copenhagen, Denmark. ICES CM 2014/ACOM:10. 834 pp. ices.dk
[738] ICES 2014 Report of the Advisory Committee, 2014. Book 8. Baltic Sea. 8.3.18 Sprat in Subdivision 22-32 (Baltic Sea) ices.dk